zu sensibel

Ich frage mich immer, woran es liegt, dass ich den Stempel “zu sensibel” abkriege, sobald auf bestimmte Ungerechtigkeiten aufmerksam gemacht wird. 

Warum wird das direkt angenommen, dass das zu sensibel sei? Wenn ich doch einfach auf etwas Offensichtliches hinweise. 

Ich frage mich dann immer:  Wenn ich zu sensibel bin, was bist du dann?

Wie kann es sein, dass du nicht empört bist? Das ist meine Gegenfrage.

Es ist 2019, besser gesagt : Es ist fast 2020, wir haben nur noch 51 Tage in diesem Jahr.

Wie kannst du nicht empört sein? Wie kannst du nicht wütend sein? Wie kannst du nicht schreien wollen? Vielleicht sieht du vor lauter Privilegien die Realität nicht? 

Wir leben in einem Land mit strukturellem Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, rechtem Terrorismus und einer rechten Partei die demokratisch massenhaft gewählt wird. Wir leben in einem Land, in dem wir für Rechte von LGBTQ+  und BIPOC auf die Strasse gehen müssen, auf das Recht entscheiden zu können, wie und ob wir einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen wollen. In einem Land, welches geflüchtete Menschen abschiebt und Tausende es nicht einmal zu uns schaffen , weil sie im Mittelmeer ertrinken. In einem Land, wo die Strassen eine grausame Geschichte erzählen, du aber nicht hinsiehst und hinhörst. Sie erzählen nicht nur die Vergangenheit, vielleicht sogar auch die Zukunft? 

In einem Land, was gut genug war, um es von Migrant*innen mit aufbauen zu lassen ,sie dann zu vergessen und ignorieren, um sich dann zu freuen, dass der Döner oder die Cevapcici für wenig Geld richtig satt machen. In einem Land, welches immer die Unterschiede zu erst nennt, obwohl wir alle Teil dieses Landes sind. Auf Augenhöhe und Gleichwertig. 

In einem Land, in dem das Narrativ nicht alle mit einbezieht und repräsentiert. In einem Land, in dem es salonfähig wird, rechtes, sexistisches , rassistisches, islamophobisches, transfeindliches, homophobes Gedankengut zu reproduzieren. Mit dem allbewertet Satz “Das wird man doch wohl noch sagen dürfen?” Nein. Darfst du nicht.  Denn das alles fängt nicht erst bei einer großen Ansammlung von Menschen an, sondern wie wir im Alltag damit umgehen. Wie wir uns gegen bestimmte Aussagen positionieren. Es muss nicht als Sprecher*in bei einer Großdemo  oder auf den sozialen Netzwerken sein . Politischer Aktivismus fängt bei uns selber an und wie wir den Menschen in unserem direkten Umfeld begegnen. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind politisch mit unseren Worten und unserem Handeln. Sich als nicht politisch einzuordnen ist ein großes Privileg. 

Ich bleibe sensibel. Ich bleibe wütend und empört und wer das nicht ist, sollte die Augen und Ohren aufmachen und sich umschauen, was passiert. Jeden Tag. 

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